Marika Bertoni Photography
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Schoah – ein Wort, das nicht einfach in die Geschichte eingetragen werden kann, auf das man sich nicht in der Vergangenheit sprechend beziehen kann, indem man es wie ein geschichtliches Ereignis betrachtet, gleichgestellt mit all jenen, welche die menschliche Evolution (und in diesem Fall würde ich sagen Regression) bestimmt haben.Die Schoah kann nicht ausschließlich anhand einiger Daten verstanden werden, durch Zahlen (6.000.000 Opfer – was bedeutet das? Eine Zahl unter vielen Schätzungen über Völkermorde in der ganzen Welt), durch Betrachtungen, durch Fakten – die Vernichtung ganzer Volksgruppen, nicht nur Juden sondern auch Sinti und Roma, Kommunisten, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Geisteskranke, Zeugen Jehovas, Russen, Polen…In Blindness - Blindheit – ist der gemeinsame Nenner nicht die Geste, die Zahl, die Erzählung oder die Erinnerung, vielmehr ist es die Gleichgültigkeit. Die menschliche Gleichgültigkeit. Das dramatische Moment besteht in der Fähigkeit “zu erblinden“, und zwar auch angesichts von Gräueltaten dieser Tragweite. Die “zivilisierte” Fähigkeit der menschlichen Seele in Anbetracht bestialischer Grausamkeit überleben zu können. Augen, die im Stande sind sich zu schließen und nicht zu sehen um in einer Welt zu überleben, welche von Menschen regiert wird, die zu einem planmäßigem Morden dieses Ausmaßes fähig sind. Und trotzdem bleibt die Lust zu überleben. Nicht wahrzunehmen.Das Drama der Schoah streckt seine Wurzeln in die dunklen Tiefen der menschlichen Seele, durch deren Bewusstsein jegliche Erlösung zur Unschuld von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Durch diese Reflexionen, vertieft auf den Plätzen des Holocaust, von Polen über Deutschland, und durch die Zeugenaussagen, welche die Welt glücklicherweise noch hören kann, sind Bilder entstanden, die den Hebel besonders beim “unerinnerbaren” Charakter eines Ereignisses ansetzen, welcher jedoch vor allem ein Zustand ist, der alle betrifft. Tatsächlich gibt es und kann es keine Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart geben, zwischen dem was war und dem was ist. Daraus entsteht die Notwendigkeit die Vergangenheit mit der Gegenwart zu vermischen, Bilder aus dem historischen Archiv der Schoah mit aktuellen Aufnahmen und mit jenen von Gedächtnisstätten zu vermengen.Ich spaziere durch jene wunderbaren polnischen Wälder, verliere mich im Duft der Tannen, die Gräben verbergen, in welche lebendig verbrannte Körper geworfen wurden. Man hört nichts. Nur die Stille. Nur die Erinnerung von etwas, das ich nicht weiß, das keiner wirklich weiß. Ich kann meine Schlüsse daraus ziehen, es rekonstruieren, aber im Grunde weiß ich nichts. Es war dunkel als das Gas ausströmte. Musik erklang als die Menschen, denen das Ende bewusst wurde, schrieen. Die Ästhetik des Grauens. Die Notwendigkeit sie durch eine Reihe von atemporalen Bildern zu rekonstruieren - denn „Schoah“ sagen bedeutet viel mehr zu sagen.Bereits von Anfang an stieß ich bei der Realisierung dieses Projektes auf das ethische Problem mit der Darstellung des Schmerzes. Wie rechtfertigt man so viel ästhetische Forschung vor einem solch dramatischen Inhalt? Bis zu welchem Punkt kann ich es selbst vermeiden mich im Äußerlichen auf Kosten des Wesentlichen zu verlieren? Aber vor allem, welches Gewicht haben diese Reflexionen heutzutage, über sechzig Jahre nach der Befreiung der Vernichtungslager? Wie aktuell und somit unerinnerbar ist die Schoah ohne jegliche Vergangenheit? Marika Bertoni


(Übersetzung Cristina Romanelli)